Ute Wegmann: „Dunkelgrün wie das Meer“. Mit Bildern von Birgit Schössow. Reihe Hanser bei dtv, München 2016. 80 S., geb., 12,95 €. Ab 8 J.

Ute Wegmann hat schon Jugendliche davonlaufen lassen, auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Nun aber, in „Dunkelgrün wie das Meer“, ist es Linn, neun Jahre alt, die abhandenkommt. Und sie läuft gar nicht richtig davon - es läuft ihr davon. Erst die Sicherheit, dass nichts ihr Lebensglück mit Mama und Papa trüben könnte, ihre Dreisamkeit, in der sie sich neun fröhliche Jahre lang geborgen fühlte. Und dann muss sie erleben, dass ihre beste Freundin mit einem ihr fremden Mädchen Händchen hält, im gleichen Badeanzug, mit dem gleichen Nagellack, kichernd und tuschelnd. Und als sie vor ihnen steht, gellt ihr entgegen: „Wir können doch nichts dafür, dass du bescheuert aussiehst.“ Das sitzt. Linn läuft, und ein Gewitter holt sie ein.



Es ist nicht einfach, sich an einer neuen Schule einzuleben. Für Paul ist es besonders schwer, denn Matze Motzmann, ein Junge aus seiner neuen Klasse, hat es auf ihn abgesehen. Mütze aufs Dach werfen, Rucksack über einer Pfütze ausleeren und Paul auf dem Nachhauseweg mit seiner Bande auflauern: All das gehört zu Matze Motzmanns Mobbing-Repertoire, das hier noch ganz ohne Smartphone und soziale Medien auskommt. Und wie das bei klassischem Mobbing eben so ist, gehen auch die anderen Kinder auf Distanz zu Paul, wollen nicht neben ihm sitzen und lachen ihn bei jeder Gelegenheit aus. „Ronald Rotzkotz“ nennen sie ihn, weil seine Nase ständig läuft und er deswegen immer schnieft und schnauft.

Andrea Schomburg:

„Der halbste Held der ganzen Welt“. Mit Bildern von Betina Gootzen-Beek. Verlag Fischer Sauerländer, Frankfurt 2017. 256 S., geb., 13,99 €.

Ab 8 J.



Es ist gar nicht so, dass der Umzug per se für schlechte Laune sorgt. Damit, dass er ansteht, hat sich das Kind im Bilderbuch „Trecker kommt mit“ von Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel schon abgefunden. Sogar gepackt hat es bereits, das Nötigste. Und selbst mit dem Umstand, dass es vom Land in die Stadt geht, hat das Kind grundsätzlich kein Problem, bei allen Vorbehalten: „Warum wollte man dort leben?“, fragt es nach dem zarten Hinweis des Erwachsenen auf die urbanen Platz-verhältnisse, „wie fühlt sich das an? Wie eine Kuh im Koffer? Wie ein Adler im Schuhkarton?“

Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel, Halina Kirschner: „Trecker kommt mit“. Mairisch Verlag, Hamburg 2017. 32 S., geb., 15,– Euro. Ab 3 J.



Pei-Yu Chang:

„Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“. NordSüd Verlag, Zürich 2017. 48 S., geb., 18,– €.

Ab 6 J.

„Er war ein Philosoph und hatte brillante Ideen aller Art. Eines Tages aber entschied das Land, in dem er lebte, dass außergewöhnliche Ideen sehr, sehr gefährlich seien“. Die 1979 geborene Taiwanerin Pei-Yu Chang, die in Münster Illustration studierte, rekapituliert in Bild-collagen die letzte Reise des jüdischen Denkers Walter Benjamin, der seit 1933 im französischen Exil lebte, im Jahr 1940 über die Pyrenäen mitsamt seines Koffers, dessen Inhalt der Nachwelt zum Mysterium wurde. Chang zeichnet exemplarisch die Geschichte eines außergewöhnlichen Intellektuellen und gewöhnlichen Flüchtlings, ein alltägliches Schicksal eines undogmatischen Phantasie-begabten und seiner Ideen in Zeiten des Totalitarismus.



Nichts Geringeres als das „Paradies“ bereitet der Bauer Bollmann in Kansas seiner Kuh Marvella, in die er „so verliebt“ ist, und schenkt ihr „eine Wiese ganz für sich allein“. Da gibt es Sonne und Baumschatten, erfrischenden Wind und frisches Wasser, und eigentlich sollte Mar-vella mit ihrem Los mehr als zufrieden sein.

Siegfried Lenz, Nikolaus Heidelbach:

„Marvellas ganze Freude“. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2017. 48 S., geb., 18,– .

Ab 5 J.



Italo Calvino, Lena Schall:

„Das schwarze Schaf“.

Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber.

Mixtvision Verlag, München 2017. 32 S., geb., 19,90 .

Ab 5 J.

Nein, seinen Kindern zur guten Nacht sollte man diese fabelhaft illustrierte Parabel von Italo Calvino wirklich nicht vorlesen, denn am Ende ist einer tot, die Monster gucken grimmig, und überhaupt geht es furchtbar finster zu in der von dem 1985 verstorbenen italienischen Postmoderne-Fabulierer nachgelassenen Ge-schichte „Das schwarze Schaf“.

Die Handlung ist schnell umrissen: Schauplatz ist eine Stadt, in der nur Diebe lebten. Jede Nacht schleichen alle aus ihren Häusern, um die Nachbarn zu bestehlen und das Diebesgut frühmorgens ins eigene, von anderen leer-geräumte Heim zu schleppen. Weil jeder jeden beklaut und die Regierung eine kriminelle Organisation ist, die Bürger ausplündert, auf dass diese wiederum die Obrigkeit betrügen, run-det sich alles zu einem wunderbaren Kreislauf der Besitzsrechtsnegierung. Fiktional existierender Turbokommunismus sozusagen, in dem es keine Armen und Reichen gibt, nur Gauner. Es könnte alles immer weiter so hübsch hässlich sein, tauchte nicht eines Tages „ein Ehrlicher“ auf, der alles kaputtmacht. Er will partout nicht mitklauen, was dazu führt, dass manche ärmer und andere reicher werden, es eine Polizei braucht und das schöne Leben ein Ende hat. Ade, süßes Dunkeldasein.



Stian Hole arbeitet auch in den Illustrationen seiner Bilderbücher mit Andeutungen und Auslassungen. Die teils hyper-, teils surrealistisch wirkenden Collagen nehmen Motive aus den Wortspielen der Kinder voraus, verdichten Wahrnehmungen oder geben Nebensächlichkeiten eine Deutlichkeit und Dringlichkeit, die gut zu sprunghaftselbst-verlorener kindlicher Wahrnehmung passt. Wie gekonnt Holes Bildkompositionen sind, wie fein die Balance dieser Bilder ist, fällt auf, wenn eines misslingt: Auf der dritten Doppelseite des Buchs kippt Annas Traum ins Kitschige, Plumpe, weil Stian Hole den Nachthimmel zwischen den Bäumen mit den Zügen der schlafenden Anna versieht.

Stian Hole:

„Morkels Alphabet“.

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Carl Hanser Verlag, München 2016. 48 S., geb., 14,90 €. Ab 6 J.



Frida Nilsson:

„Siri und die Eismeerpiraten“. Roman. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2017. 376 S., geb., 14,95 .

Ab 10 J.

Anfänge, die uns jemand im Präteritum erzählt, haben häufig etwas Tröstliches. „Es war Mitte November, und ich war gerade zehn geworden“ – offenbar hat die Erzählerin, älter als damals, Abenteuer überlebt, Furcht überwunden, ihre Aufgabe gelöst. Bald wissen wir, dass damals der schrecklichste aller Piraten, der berüch-tigte Kapitän Weißhaupt, seine Klauen nach Siris kleiner Schwester Miki ausgestreckt hatte. Aber wir erfahren auch, dass der Schmerz bleibt.



Der Krieg kommt näher in Sara Pennypackers Kinderroman „Mein Freund Pax“, und Peters Vater zieht in den Kampf. Für den zwölf Jahre alten Halbwaisen heißt das, er muss zum Großvater ziehen. Viel schlimmer: Er muss sich von Pax trennen, einem mittlerweile fünf Jahre alten Rotfuchs, den er als Welpen gefunden hat. Kurz nachdem Peters Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, fiel dem Jungen am Straßenrand eine überfahrene Füchsin auf. Im Bau ganz in der Nähe war noch ein einziges Junges am Leben. Und nicht einmal Peters unnahbarer Vater konnte sich dem Wunsch des Kindes widersetzen, den jungen Fuchs zu retten.

Sara Pennypacker:

„Mein Freund Pax“. llustriert von Jon Klassen. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Verlag Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2017. 304 S., geb., 16,99 €.

Ab 10 J.



Davide Morosinotto:

„Die Mississippi-Bande“.

Wie wir mit drei Dollar reich wurden. Roman. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann Verlag, Stuttgart 2017. 368 S., geb., 14,99 .

Ab 10 J.

An Bord der Louisiana Story, ungefähr auf halbem Weg von New Orleans nach Saint Louis, ruft ein Matrose: „Mark Twain“. Er mag bestimmt Abenteuerromane, vermutet Eddie, der ängstlichste und belesenste der vier Prota-gonisten in Davide Morosinottos Roman „Die Mississippi-Bande“. Vielleicht habe das ja etwas mit ihnen zu tun. „Pff“, antwortet sein Freund Te Trois. Gegen sie, die titelgebende Bande, zu der außer Eddie und Te Trois noch Julie und ihr kleiner Bruder Tit gehören, sei Huck Finn ein regelrechter Abenteueranfänger: Anstatt sich mit seinem Schatz zufriedenzugeben, springt „dieser Huckleberry auf ein Floß und lässt sich vom Fluss stromabwärts tragen. Während wir stromaufwärts fahren und uns dabei sehr anstrengen müssen und je weiter wir kommen, desto schwieriger wird es.“



Ein viel diskutiertes Buch war „Wild Animals I Have Known“ von Ernest Thompson Seton aus dem Jahr 1898, eine Sammlung von Tiergeschichten, deren erste, „Lobo, der Wolf“, 1962 sogar zur Grundlage eines Walt-Disney-Films wurde. Jetzt hat der britische Illustrator William Grill sie in einem Bilderbuch „Die Wölfe von Currumpaw“ nacherzählt. Anders als im Disney-Film, der den Wolf als Welpen vorstellt und später als Leitwolf die schmerzliche Erkenntnis gewinnen lässt, dass sein Rudel nur die Flucht vor den Menschen retten kann, bleibt Grill nah bei Setons Schilderung. Der Naturforscher, -schriftsteller und -maler hatte mit der Wolfsjagd einige Erfahrung und war deshalb 1893 nach New Mexiko gerufen worden, wo ein kleines, aber äußerst gewitztes Wolfsrudel jahrelang die Viehbestände dezimiert, die Cowboys zur Verzweiflung getrieben und schon einige Jäger und Fallensteller genarrt hatte, die sich vom stattlichen, auf den Leitwolf Lobo ausgesetzten Kopfgeld hatten locken lassen.

William Grill:

„Die Wölfe von Currumpaw“.

Aus dem Englischen von Harald Stadler. NordSüd Verlag, Zürich 2017. 88 S., geb., 20,– €.

Ab 7 J.



Bestimmt wird alles gut

Kirsten Boie, Jan Birck, Mahmoud Hassanein  
HARDCOVER,  Klett Kinderbuch 2016
falter shop
€ 10,20
bis 11 Jahre

Früher haben Rahaf und Hassan in der syrischen Stadt Homs gewohnt und es schön gehabt. Aber dann kamen immer öfter die Flugzeuge und man musste immerzu Angst haben. Da haben die Eltern beschlossen wegzugehen in ein anderes Land. Wie sie über Ägypten in einem viel zu kleinen Schiff nach Italien gereist sind und von dort weiter nach Deutschland – das alles hat sich Kirsten Boie von Rahaf und Hassan erzählen lassen und erzählt es uns weiter. Auch von einer schimpfenden Frau im Zug und einem freundlichen Schaffner. Und von Emma, die in der neuen Schule Rahafs Freundin wird. 

Wir bringen diese bewegende Geschichte zweisprachig heraus, damit viele Flüchtlingskinder sie in ihrer Sprache lesen können. Außerdem hilft ein kleiner Sprachführer im Anhang beim Deutsch- und Arabisch-Lernen. Jan Bircks Bilder begleiten den knap-pen Text auf eindrückliche und warm-herzige Weise.

Ein schweres und brisantes Thema, eine wohltuende Geschichte, ein schönes Buch



Tante Gerti stirbt - und Mia-Marias superreiche Eltern erben ihr kleines Häuschen mitten im Sauerland. Aber nur, wenn sie ein ganzes Jahr als ganz normale Angestellte leben, natürlich ohne Köchin, Hausmädchen und Chauf-feur.

Die Zehnjährige kann es nicht fassen - ihre Eltern begreifen diese verrückte Erbschaft als Abenteuer und lassen sich nicht davon abbringen. Aus Mia-Maria wird Mia. Sie muss ihre Freundinnen in der schicken Kölner Privatschule und ihr Pony Firlefanz zurück lassen. Im zerbeulten Kombi und in Second Hand-Klamotten startet ihr neues Leben als "die Neue"... Barbara M. Siefken: Barbara M. Siefken, Jahrgang 1974, studierte in Köln Politikwissenschaft und arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für die Tageszeitung Berliner Morgenpost und Magazine wie Brigitte, Off Road und Familie & Co. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern, Hund und Pony in Kerpen bei Köln.

MIAS GEHEIMNISVOLLES JAHR

von Barbara M. Siefken

ROMAN FÜR KINDER

falter shop

€ 9,30

AB 9 JAHRE

 

 


DAS BESTE VOM FRANZ

von Christine Nöstlinger

496 Seiten

falter shop

€ 20,60

Ein Hausschatz für Erstleser

„Der Franz ist sechs Jahre alt. Weil der Franz aber sehr klein ist, merken das viele Leute nicht. Sie halten ihn für vier Jahre. Und dass er ein Bub ist, glauben sie auch nicht. ,Grüß Gott, kleines Mädchen‘, sagt die Gemüsefrau.“ Man kann sich schon ausmalen, dass dem Franz nichts geschenkt wird. Noch dazu mit einem großen Bruder wie dem Josef, der ihn nur „Zwerg“ nennt oder „Dödel“. Aber wie das halt so ist – alle Kleinen wissen’s: Sie werden bloß unterschätzt.

Seit Jahren schon ist Christine Nöstlingers Franz – mit Zeichnungen des bekannten Illustrators Erhard Dietl – ein Liebling der Leseanfänger und Volksschüler bis zur dritten Klasse. Jetzt hat der Oetinger-Verlag einen Sammelband mit Schul-, Ferien-, Opa-, Detektiv-, Hunde-, Liebes- und noch vielen anderen Geschichten herausge-geben. Ein Hausschatz auf 464 Seiten, leicht lesbar, voll Humor und Wärme, der mehrere Jahre hält.

Kinder sind voll dabei, wenn der Papa und der Josef sich den Bauch vor Lachen halten, als sie den Muttertags-hut sehen, an dem der Franz drei Tage lang gearbeitet hat. Wenn er in der Straßenbahn verloren geht. Und sich am Ende irgendwie zu helfen weiß. Oft wird ihm auch geholfen, der Franz kennt nämlich wunderbare Leute. Weil die Mama, die geht dann wirklich mit ihm und dem neuen Hut samt Schieß-budenrosen und Gamsbart drauf spazieren. Da kann man’s nicht ganz schlecht getroffen haben.




Wertvolle Kinderbüchertipps gibt es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (siehe oben) und im Falter.